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Meerrettich

(Armoracia rusticana)


Der Meerrettich ist die Heilpflanze des Jahres 2021 !


Das nachfolgende Pflanzen- und Anbauporträt stammt aus einer umfassenden Arzneipflanzen-Datenbank, die bereits zwischen 1999 und 2001 erstellt wurde. Trotz ihres Alters sind die Informationen im Wesentlichen nach wie vor gültig. Bei konkretem Interesse am Anbau von Meerrettich empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit Beratungseinrichtungen

Weiterführende Informationen bietet außerdem das „Handbuch des Arznei- und Gewürzpflanzenanbaus“.


Meerrettich ...

wird auch Bauernsenf, Fleischkraut, Kren, Krien, Pfefferwurzel oder Waldrettich genannt. Im englischen ist es der Horse radish, im spansichen der Raifort sauvage.

Beschreibung

Die ausdauernde Meerrettichpflanze gehört zur Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae, Cruciferae). Die starke Wurzel mit mehreren Vegetationskegeln (mehrköpfig) hat eine zylindrische Form. Im ersten Jahr bildet die Pflanze eine Rosette aus großen, langgestielt Blättern mit gekerbten, glänzenden Spreiten. Die bei praxisüblicher einjähriger Kultur nicht durchschießenden Blütenstängel werden bis 150 cm hoch, sind verzweigt und beblättert. Die Blüten, in einer Rispe angeordnet, sind weiß und duften. Die Blütezeit des Meerrettichs ist im Juni und Juli. Die Frucht ist eine bauchige, elliptische Schote, die aber steril ist. Zur Vermehrung werden Wurzelstecklinge, die langen Seitenwurzeln der Meerrettichwurzel (Fechser), genutzt.

Aufkommen

Meerrettich stammt aus Kultur, selten aus Wildsammlungen. Beheimatet ist er im östlichen Teil Europas bzw. Südrussland. In Deutschland wurde 1995 auf ca. 200 ha Meerrettich angebaut.

Verwendung

Gebräuchlich sind die Wurzeln (Stangen) des Meerrettichs. Vor allem in frischer Form wird er als Gewürz verwendet. Die Medizin misst ihm eine antimikrobielle, appetitanregende, verdauungsfördernde, kreislaufanregende sowie eine durchblutungsfördernde Wirkung bei. Die frischen oder getrockneten und zerkleinerten Wurzeln werden innerlich bei Katarrhen der Luftwege und bei Infekten der ableitenden Harnwege eingesetzt. Äußerlich wird er auch bei leichten Muskelschmerzen angewendet.

Wertgebende Inhaltsstoffe in der Wurzel:

  • 12,5% Kohlenhydrate
  • 2,8% Eiweiß
  • 0,3% Fett
  • Senfölglykoside, insbesondere
    • Sinigrin (0,17-0,24%)
    • Gluconasturtiin 
  • freies Senföl
  • Allylsenföl
  • 2-Phenylethylsenföl 
  • Vitamin C (114 mg/100 g FS)
  • Mineralstoffe, reich an K und Ca

Standortansprüche

Meerrettich gedeiht gut auf tiefgründigen, humosen, feuchtigkeitshaltenden, lehmigen Sandböden. Leichte Böden mindern den Ertrag und das Aroma des Meerrettichs, schwere, lehmige Böden dagegen erschweren die Pflege- und Erntearbeiten und es kommt zu Qualitätseinbußen beim Geschmack. In luftfeuchten Niederungen sind optimale Erträge zu erzielen, auch Halbschatten wird vertragen. Meerrettich ist absolut winterfest.

Fruchtfolge

In der Fruchtfolge steht Meerrettich gut nach stark gedüngten Gemüsearten oder Hackfrüchten. Wenn die durch Verticillium verursachte Meerrettichschwärze auftritt, sollten Kartoffeln als Vorfrucht ausscheiden. Ein Nachbau ist prinzipiell möglich, es besteht jedoch Verunkrautungsgefahr. Es ist besser, Anbaupausen von vier Jahren zu anderen Kreuzblütlern einzuhalten oder auch vier Jahre auszusetzen. In der Folgefrucht ist der Austrieb von verbliebenen Wurzelstücken zu beachten, der Anbau von Mais und Getreide als Folgekultur ist empfehlenswert, während Futterpflanzen ausscheiden.

Sorten / Herkünfte

Zuchtsorten gibt es von Meerrettich keine. Die einzelnen Anbaugebiete haben ihre eigenen, an den Standort angepaßten, Selektionen, die sich in Hinsicht auf Krankheitsbefall, Stangenentwicklung und –ertrag, Qualität und Blattform stark unterscheiden können.

Herkunftsbeispiele:

Badischer, Bayerischer, Bulgarischer, Dänischer, Edelkofener, Hamburger, Nederlinger, Novi Sader, Östereicher, Spreewälder, Steirischer 

  • Badischer = Laufener: mittelstarker Wuchs, milder Geschmack, relativ weiches Fleisch
  • Bayerischer = Baiersdorfer: mittelstarker Wuchs, milder Geschmack, weiches Fleisch, empfindlich gegen Meerrettichschwärze
  • Bulgarischer, Edelkofener, Nederlinger, Novisader (= Jugoslawischer) und Steirischer sind starkwüchsige Herkünfte mit einem scharfen Geschmack, härterem Fleisch und können (mit Ausnahme des Steirischen) bei früher Rodung Bitterstoffe enthalten.
  • Hamburger: mittelstarker bis starker Wuchs, relativ scharfer Geschmack, weiches Fleisch
  • Spreewälder: mittelstarker Wuchs, milder Geschmack, weiches Fleisch, starke Kopffechserbildung, empfindlich gegen Rost und Virus

Anbauverfahren

Bodenvorbereitung
Im Herbst muss gepflügt und im Frühjahr durch den Einsatz von Schleppe, Egge und gegebenenfalls auch Fräse eingeebnet und gelockert werden.

Pflanzung
Zum Anbau werden nur die Seitenwurzeln (Fechser) vom Vorjahr verwendet. Die Fechser sollen mindestens 1 cm stark und 30-40cm lang sein. Da sie nicht mehr in die Länge wachsen, entspricht die Fechserlänge der späteren Stangenlänge. Sie werden ab Anfang April bis Anfang Mai im Reihenabstand von 60-80 cm und 10-15 cm Abstand von Fechser zu Fechser maschinell oder von Hand ausgelegt. Der Fechserbedarf liegt dabei bei 25.000-35.000 Stück/ha (1.000-1.500 kg/ha). Zur Vermeidung von Windbruchschäden durch das massige Blattwerk und die relativ geringe Seitenverankerung sollte nach Möglichkeit in West-Ost-Richtung gepflanzt werden, wobei die Triebspitze nach Osten zeigen soll. Der Anbau erfolgt auf Dämmen, wenn während der Vegetationszeit noch das aufwendige Abköpfen und Abreiben durchgeführt wird, oder auch auf flachen Feldern. Die Fechser werden entweder leicht schräg mit der Triebspitze etwa 5 cm und dem Wurzelende etwa 10 cm tief oder aber waagerecht in etwa 5 cm Tiefe abgelegt und mit Erde bedeckt.

Jungpflanzenanzucht, bzw. Gewinnung der Fechser
Bei der Ernte im Herbst werden von den Stangen die 1-2 cm starken Fechser abgetrennt und auf 30-40 cm Länge zugeschnitten. Pro Pflanze werden 2-3 Fechser gewonnen und in einem Sandeinschlag überwintert. Vor dem Auspflanzen werden mit Ausnahme der oberen und unteren 3 cm alle Knospen und Wurzeln abgerieben. Man kann die Fechser vor dem Pflanzen auch zwei Wochen vortreiben, um das Abreiben zu erleichtern und das Anfangswachstum zu beschleunigen.

Düngung

Der Nährstoffentzug von Meerrettich bei einem durchschnittlichen Frischmasseertrag von 200 dt/ha Wurzeln, Stangen und Seitenwurzeln, beträgt 137 kg/ha N, 44 kg/ha P2O5, 150 kg/ha K2O und 13 kg/ha MgO.
Durch Krauternterückstände von ca. 250 dt/ha verbleiben 94 kg N, 26 kg P2O5, 159 kg K2O und 16 kg MgO pro Hektar auf dem Acker.
Meerrettich sollte reichlich mit organischer Substanz wie Stallmist oder Kompost versorgt werden. Eine Herbstgabe von 300 bis 400 dt/ha gut verrotteter Stallmist zum Beispiel hat sich bewährt. Richtwerte für die Düngung liegen bei 120-150 kg/ha Stickstoff, 40-60 kg/ha Phosphor (P2O5) und 140-170 kg/ha Kalium (K2O). Die Stickstoffgaben sollten geteilt werden. Meerrettich ist sehr salzempfindlich.
Da die empfohlenen Mineraldüngergaben sehr stark variieren, wurde in Gefäßversuchen versucht, den tatsächlichen Nährstoffentzug von Meerrettich zu ermitteln.

Krankheiten / Schädlinge

Vor allem in feuchten Jahren besteht die Gefahr des Befalls mit Weißem Rost (Albugo candida), der bei starker Ausprägung zum Absterben der Blätter und in der Folge zu Kopffäule (Braunfäule) an den Stangen führen kann. Die Meerrettichschwärze (Verticillum-Arten) befällt die Wurzeln; sie ist in trockenen Jahren auch schon an welkenden und absterbenden Blättern erkennbar. Ab und zu tritt Befall durch Virenkrankheiten auf. Alle Kohlschädlinge, insbesondere Erdflöhe (Phyllotreta armoraciae) und großer Kohlweißling (Pieris brassicae) verusachen Lochfraß an den Blättern. Auch durch die Rübenblattwespe (Athalia rosae) können Fraßschäden entstehen.

Pflegemaßnahmen

Im Juni/Juli werden die Fechser wiederum freigelegt, von den Seitenwurzeln befreit (abgerieben) und die Seitentriebe (nur einköpfig) ausgegeizt und anschließend wieder mit Erde bedeckt. Es kann auch zweimal „gehoben“ werden. So erhält man glatte und gleichmäßige Stangenbildung, und die Ernte wird erleichtert.
Der Bestand ist mechanisch oder auch mit Kalkstickstoff unkrautfrei zu halten. In Österreich ist gegen Samenunkräuter im Vorlauf eine chemische Bekämpfung mit den Wirkstoffen Terbutryn und Metobromuron zugelassen. In niederschlagsärmeren Lagen ist eine Bewässerungsmöglichkeit vorzusehen.

Ernte / Ertrag

Die Ernte der Stangen erfolgt relativ spät, meist Ende Oktober, wenn das Laub bereits abgestorben ist. Die Ernte kann aber durchgehend im Zeitraum September bis Februar durchgeführt werden. Zur Ernte wird neben der Reihe mit einem speziellen Meerrettichpflug aufgepflügt, so dass die Stangen seitlich herausgedrückt werden können oder mit dem Schwingsiebroder möglichst tief (zur Schonung der Seitenwurzeln) ausgebaut. Die Stangen werden gereinigt, Fechser geschnitten und Markt- und Industrieware sortiert. Eine Lagerung ist in geeigneten Lagerräumen oder Kellern möglich, im Kühllager bei -1 °C sogar bis zu 10 Monate. Der Ertrag an marktfähigen Wurzeln liegt bei 80-120 dt/ha. Die Krauternterückstände bewegen sich im Bereich zwischen 150-250 dt/ha.
In einem Freilandversuch wurden Erträge verschiedener Meerrettichherkünfte ermittelt. Die Ertragsleistung wurde dabei nicht nur vom Erntetermin, sondern auch von der Bestandesdichte bestimmt. Die Herkunft ‚Edelkofener‘ erbrachte die höchsten Erträge. Die größten Ertragszunahmen wurden Ende Oktober erzielt. Bei einer Bestandesdichte von 4 Pflanzen/m² wurde der höchste Ertrag gemessen.

Quellen

  1. Dachler, M., Pelzmann, H. (1999): Arznei- und Gewürzpflanzen (Anbau-Ernte-Aufbereitung). 2. Auflage. Österreichischer Agrarverlag, Wien.
  2. Pahlow, M. (1999): Das große Buch der Heilpflanzen. Gräfe und Unzer Verlag.
  3. Merkblätter für Pflanzenbau (1988): Kulturanleitung für Meerrettich. Bayerische Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau, Abtlg. Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung, LBP Freising, München.
  4. Krug, H. (1991): Gemüseproduktion. 2. Auflage. Paul Parey Verlag, Berlin Hamburg.
  5. Fritz, D. et al. (1989): Gemüsebau. 9. Auflage. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart.
  6. Geisler, G. (1991): Farbatlas landwirtschaftlicher Kulturpflanzen. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart.
  7. Franke, W. (1992): Nutzpflanzenkunde. 5. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  8. Deutsche Apotheker Zeitung (1996): Arznei- und Gewürzpflanzenproduktion. 6. Bernburger Winterseminar. Statistik des Anbaus, 136 (10): 70-73.
  9. Teuscher, E. (1997): Biogene Arzneimittel. 5. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart.
  10. DLZ-Agrarmagazin (1991): Meerrettich macht viel Arbeit. Vor dem Anbau erst Absatzsichern, 42 (5): 45-48.
  11. Geisler, G. (1988): Pflanzenbau. Gewürz- und Arzneipflanzen. 2. Auflage. Paul Parey Verlag, Berlin Hamburg.
  12. Pelzmann, H. (1997): Gemüsebau Praxis. 5. Auflage. Österreichischer Agrarverlag, Klosterneuburg.
  13. Bomme, U., Nast D., (1998): Nährstoffentzug und ordnungsgemäße Düngung im Feldanbau von Heil- und Gewürzpflanzen. Zeitschrift Arznei- und Gewürzpflanzen, 3: 82-90.
  14. Kraxner, U., Weichmann, J., Fritz, D. (1986): Wie sollte Meerrettich gedüngt werden? Gemüse, 9: 363-364.
  15. Nebel, H., Weichmann, J., Fritz, D. (1988): Ertrag verschiedener Meerrettich-Herkünfte. Gemüse, 6: 272-273.


Weiterführende Literatur

  • Nebel. H. (1987): Untersuchungen über Einflüsse von Herkunft, Anbau und Lagerung auf die Qualität von Meerrettich (Armoracia rusticana Ph. Gärtn., B. Mey. et Scherb.). Dissertation, Technische Universität München.
  • Poncavage, J. (1993): There’s a horse growing in the ground! Organic gardening, 40 (2): 46-47.
Meerrettich

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Basisdaten Nachwachsende Rohstoffe